Redebeitrag Gerhard Paulus Professor für Physik (31. Januar 2022)

Sehr geehrte Damen und Herren,
 
auch von mir ein herzliches Willkommen zu dieser Kundgebung. Ich freue mich, dass Sie gekommen sind.
 
Ein paar Worte zu meiner Person: Mein Name ist Gerhard Paulus, ich bin Professor für Physik an der hiesigen Universität. Der ein oder andere von Ihnen kennt mich vielleicht von der Aktion Klang der Stolpersteine, die ich zusammen mit meinen Freunden Till Noack und Klaus Wegener seit ein paar Jahren organisiere.
 
Zwei Punkte möchte ich heute Abend machen: Der erste betrifft mich als Wissenschaftler. Es geht aber nicht um mich, sondern um die Wissenschaft per se, speziell in der Krise. Der zweite Punkt, den ich machen möchte, führt den ersten fort, ist aber noch wichtiger: Ich will ein paar Takte zu Verschwörungstheorien sagen.
 
So, zum ersten Punkt: Als Wissenschaftler – im Grunde aber schlicht auch als Bürger – als Bürger, der an Fakten und Logik glaubt und Wissenschaft daher schätzt … Als ein Kind der Aufklärung, die diese Stadt wie wenige andere geprägt hat … Wir sind in Jena, der Stadt der Aufklärung! 
 
Als ein Anhänger der Aufklärung kann man nur konsterniert zur Kenntnis nehmen, dass es Mitbürger gibt, die wahlweise ernsthaft glauben, 
– dass es das Corona-Virus gar nicht gibt,
– dass es jedenfalls nicht gefährlicher als die Grippe sei,
– dass die Impfung gefährlicher als Corona ist,
– dass die atemberaubend schnell entwickelten und hochwirksamen neuartigen Impfstoffe irgendwelche Chips enthalten, mit denen uns Bill Gates fernsteuern kann. Ein Nachbar meint gar im Hinblick auf den neuen Wirkmechanismus, dass man zum Eigentum der Patentinhaber werde, wenn man mit einen mRNA-Impfstoff immunisiert wird.
Man denkt sich angesichts solcher hirnrissiger Aussagen nur „wie jetzt: meint Ihr das ernst?”. Man schüttelt den Kopf und denkt sich zunächst: Naja, es soll ja auch noch Menschen geben, die glauben, die Erde sei eine Scheibe.
 
Ich jedenfalls habe das Problem mit den Verquerdenkern anfangs nicht recht ernst genommen. Ich habe die für eine Handvoll harmloser Spinner gehalten. Bis ich an einem Montag Abend eine nicht enden wollende Menschenschlange den Fürstengraben hinaufziehen gesehen habe – und das vor dem Hintergrund, dass das bekannte Rechtsextremisten organisieren. Es sind nicht nur ein paar Verrückte, nein, es ist ein erschreckend hoher Prozentsatz, wahrscheinlich zweistelliger Prozentsatz, laut Thüringen-Monitor sogar 1/3 der Bevölkerung, der Verschwörungstheorien, d.h. offensichtlichen Quatsch glaubt – und die Wissenschaft fundamental in Frage stellt.
 
Man muss sich das einmal vorstellen: An unserem Klinikum, in unseren Instituten haben wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihr ganzes Leben studiert, gearbeitet, geforscht haben und die wissen, wie dieses Viren funktionieren, die wissen, wie die Apparate funktionieren, mit denen man diese Viren studiert. – Und dann kommt ein Hanswurst daher – wenn’s denn nur einer wäre, es sind tausende – 1000e Hanswursten kommen daher und behaupten, dass all’ unsere Wissenschaft Fake ist. 
 
Wir Wissenschaftler, behaupten die, stecken alle unter einer Decke mit einer kleinen Elite, die die Weltherrschaft an sich reißen und die Bevölkerung versklaven will. Diese Damen und Herren Querdenker, diese Verquerdenker, verachten die Wissenschaft und denunzieren sie als Feind dieser Gesellschaft. Wenn es nur das alleine wäre! Diese Leute verachten nicht nur die Wissenschaft, nein sie nehmen – allergrößtenteils mit Null Expertise – sie nehmen in Anspruch, es besser zu wissen. Schließlich haben sie es ja auf Youtube, Russia Today oder sonst wo mit eigenen Augen gesehen. Sie nehmen das Recht in Anspruch, die Gesellschaft zu nötigen, den von ihnen geglaubten blanken Unsinn zur Grundlage der Politik zu machen. 
 
Stellen Sie sich vor, diese Leute gewinnen die Oberhand! Dann brauchen wir auch die Bundeswehr – aber nicht um in den Krankenhäusern und Altenheimen mit Pflegern auszuhelfen, sondern um, wie in Bergamo, die Särge aus der Stadt zu bringen und wie in New York in Massengräbern zu verscharren. Eine approbierte Ärztin, ein examinierter Krankenpfleger die nicht glauben, was sie in ihrer Ausbildung an wissenschaftlichen Erkenntnissen gelernt haben, sind falsch in ihrem Beruf. 
 
Den Zahnarzt, der mich als Kind vor 50 Jahren behandelte, habe ich nur mit Mundschutz in Erinnerung. Ein Japaner, der sich erkältet in der Öffentlichkeit bewegen muss, trägt Maske. Aber bei uns gibt es Siebengescheite, die es besser wissen und Masken, Lufthygiene, nach wie vor für unwichtig halten. Wir haben hier in der Stadt eine Semmelweis-Straße und eine Semmelweis-Apotheke. Wissen Sie wer Semmelweis war? Das war der Arzt, der die Mütter- und Säugling-Sterblichkeit durch Hygiene-Vorschriften um 90% senkte und der seinem berühmten Gynäkologie-Kollegen Scanzoni schrieb, dass er ihn „vor Gott und der Welt” zum Mörder erklären werde, wenn er weiterhin gegen Hygiene-Vorschriften vorgeht. Semmelweis ging als Retter der Mütter in die Geschichte ein! Was würde Semmelweis den Ärzten und Krankenpflegern sagen, die von Impfungen abraten oder, die, wie der Hausarzt meiner Mutter, immer noch keine Maske tragen? „Vor Gott und der Welt” zum Mörder würde er sie erklären!
 
Die Folgen der Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnis sind gerade in der Medizin hundert und tausendfach bestätigt – meist tragisch bestätigt. Sie mögen fragen, warum bisher Universität, Forschungsinstitute und High-tech-Industrie nicht die Stimme erhoben haben. Berechtigte Frage! Sehr berechtigte Frage! – Wenigstens was die Universität be-trifft, habe ich die Hoffnung, dass sich der Senat morgen oder übermorgen mit einer Resolution an die Öffentlichkeit wendet.
 
Die Bedrohung der Wissenschaft ist dabei noch gar nicht das Schlimmste. Das Gefährlichste sind die Verschwörungstheorien – ich habe ja schon anklingen lassen, dass gerade auch von der Wissenschaft behauptet wird, sie hätte sich gegen „das Volk” verschworen. Eine gewisse Clique oder Elite sei dabei, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Die Schrift The Great Reset des Weltwirtschaftsforums wird nachgerade als Bekennerschreiben betrachtet. Die meisten Querdenker und Verschwörungstheoretiker wagen es noch nicht auszusprechen, was sie wirklich meinen – noch hält das Tabu. Aber an was sie denken, und manche dieser Leute sprechen es auch schon aus, an was sie denken ist die angebliche jüdische Weltherrschaft.
 
Wie weit wollen wir zurückgehen in der Geschichte der Judenverfolgung? 100 Jahre, 500 oder 1000 oder noch mehr? Machen wir’s anschaulich, bleiben wir hier in der Region. Sie kennen wahrscheinlich den jüdischen Schatz von Erfurt, 1998 zufällig entdeckt. Fast 30kg Gold und Silber, darunter ein einzigartiger, wunderschöner Hochzeitsring.  Die Geschichte des Schatzes ist weniger schön. Sie reicht zurück ins Jahr 1349. Auch damals wütete eine Seuche, viel schlimmer als heute, nämlich die Pest. Mangels Wissenschaft war man ihr fast schutzlos ausgeliefert – die Quarantäne wurde in Europa erst 25 Jahre später, 1374, erfunden. Ah – da war man im Mittelalter aber weiter als die Querdenker heute. Jedenfalls: Damals wie heute gab es die, die von der Krise zu profitieren gedachten: Die Juden waren schuld! Man bezichtigte sie der Hostienschändung, Kindermorden (QAnon lässt grüßen!) und der Brunnenvergiftung. Im März 1349 kam es in Erfurt – wie zuvor schon in anderen europäischen Städten – zum Pogrom. Die jüdische Gemeinde wurde ausgelöscht. Der jüdische Bankier Kalman von Wiehe vergrub sein Vermögen – offenbar in der Hoffnung, es nach Ende der Unruhen wieder in Besitz zu nehmen. Aber auch er überlebte das Pogrom nicht. Wäre er nicht ermordet worden, gäbe es den Hochzeitsring heute höchstwahrscheinlich nicht mehr. Dem Mord an Kalman von Wiehe verdanken wir das Überdauern des wunderbaren Hochzeitsrings und die wunderbare Ausstellung in der Alten Synagoge Erfurt. Denken Sie daran, wenn Sie sich daran freuen.
 
Sprung in die erste Hälfte des 20. Jhdts.: Die Mär von der jüdischen Weltherrschaft wurde solange kultiviert, bis am Ende 6 Millionen Juden totgeschlagen, erschossen, totgesprizt und vergast waren. Diesem Hintergrund sollten wir im Kopf haben, wenn sich eine Jana aus Kassel hinstellt und sich als Sophie Scholl portraitiert. Diesen Hintergrund sollten wir im Kopf haben, wenn Querdenker mit Judenstern „spazieren” gehen. Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer könnten nun sagen,  na passt doch: Die Damen und Herren Querdenker verstehen eben von Geschichte genau so wenig wie von Naturwissenschaften. Ich glaube es ist schlimmer: Ich halte die Berufung auf die Opfer der NS-Terrorherrschaft für nichts als schändliche false-flag-Aktionen!
 
Ich habe von den Profiteuren der Krisen und Verschwörungstheorien damals gesprochen. Die gibt’s auch heute.
Nichts ist der AfD und anderen rechtsradikalen Gruppierungen willkommener als Not und Krise. Intern geben einige dieser Gestalten das ganz offen zu. Aber auch ohne derlei Geständnisse liegen die Dinge klar genug: Zu Anfang der Krise, als bezweifelt werden konnte, ob dieses Land die Katastrophe wird kontrollieren können, schrie keiner lauter nach harten Maßnahmen als die AfD: Sie wollte von Not und Krise politisch profitieren. 
Ein paar Wochen später, als sich abzeichnete, dass unsere Regierungen und Verwaltungen die Lage, sicherlich alles andere als perfekt, aber eben doch leidlich gut im Griff hatten, drehte sich die AfD um 180 Grad. Sie verlangte die Aufhebung aller Corona-Schutzmaßnahmen, sie blieb und bleibt indifferent zum Impfen, usw. Je überfüllter die Krankenhäuser, je mehr Triage, je mehr Tote, desto besser. Kurz, die AfD will Not und Krise in Deutschland.
Sie wollte das in der Flüchtlingskrise 2015 und sie wollte das in der Euro-Krise. Sie wollte und will das, weil sie weiß, dass ihr das politisch nutzt und ihrem Ziel der Beseitigung des liberalen Rechtsstaates näher bringt. 
Die AfD begeht Verrat an Deutschland – vielmehr: sie ist Verrat an Deutschland!
 
Genug analysiert und – ich geb’s zu – geschimpft! Was sollten wir tun?
Zuallererst Solidarität üben! Füreinander einstehen! Maske tragen, Kontakte reduzieren, sich impfen lassen sind Akte der Solidarität und Nächstenliebe.
 
Herr Stridde hat in einem OTZ-Kommentar von einen seiner Bekannten zitiert, der gesagt hat „Ich scheiß auf Euere Solidarität”. Ja, das genau ist das Problem mit den Querdenkern! Dieser Einstellung verdanken wir einige 10.000 Corona-Tote. Mit dieser Einstellung gingen offenbar einige Altenpflegerinnen und -pfleger zur Arbeit, um nur die Spitze des Eisbergs zu nennen.
 
Wir müssen uns den Querdenkern – ach, wenn sie denken würden! – den Schwurblern entgegenstellen, wo immer sie auftreten! Wir müssen unsere Firmen, Institute, Kirchen und sonstige Einrichtungen drängen, ihre Stimme zu erheben. Wir müssen dafür sorgen, dass die Tabus – das was man nicht sagen kann – dass die Tabus wieder gelten. Die Phrase „Man wird doch noch sagen dürfen” leitet regelmäßig einen Tabubruch ein. Wir müssen dafür sorgen, dass stets und überall klar ist, was gesellschaftlich akzeptabel ist und was nicht. Verschwörungstheorien, gar mit antisemitischer Konotation, und Wissenschaftsfeindlichkeit sind gesellschaftlich nicht akzeptabel. Wir müssen klar machen, wie sehr uns als Gesellschaft Verschwörungstheorien und Wissenschaftsfeindlichkeit schaden. Die ganze Stadt lebt von der Wissenschaft – sei es Wissenschaft an der Universität, den Instituten oder in der Industrie. Tausende von Arbeitsplätzen hängen von der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit der Stadt ab. Anders ausgedrückt: Unser Wohlstand hängt auch von unserem Anstand ab.
 
Schließlich wollen wir stolz sein auf Jena, wir wollen uns mit und in dieser Stadt wohl fühlen. Dazu passt nicht, wenn jeden Montag ein paar Tausend Leute durch die Stadt spazieren, die sich von allen Idealen der Aufklärung und des Humanismus entfernt haben – und mittlerweile glauben, dass das gesellschaftlich akzeptabel und ihr gutes Recht sei. Eine Einstellung „Ich scheiß auf Euere Solidarität” muss geächtet sein und bleiben! Ich habe wenig Hoffnung, dass man die Ich-scheiß-auf- Euere-Solidarität-Zeitgenossen überzeugen kann, dass sie irren. Aber wenn wir entschieden und entschlossen widersprechen, wird man wenigstens zu dem für unser Zusammenleben erträglichen Zustand zurückkehren, dass man die Dinge, die man nicht sagen kann und darf, sich nicht zu sagen traut.
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